Deutschland bekommt voraussichtlich eine Zuckersteuer. Ab 2028 soll eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke eingeführt werden. Was zunächst nach einer klassischen Gesundheitsmaßnahme klingt, entwickelt sich allerdings zunehmend zu einer Grundsatzdebatte: Soll der Staat eine Cola gezielt verteuern, damit Menschen weniger Zucker konsumieren – oder wird unter dem Deckmantel der Gesundheit einfach die nächste Einnahmequelle erschlossen?
Fest steht inzwischen: Die Bundesregierung plant die Einführung. Über die genaue Ausgestaltung wird dagegen noch gestritten. Selbst die Frage, welche Getränke am Ende betroffen sein werden, ist bislang nicht abschließend beantwortet.
Und genau deshalb dürfte die Zuckersteuer eines der kontroversesten Verbraucherthemen der kommenden Jahre werden.
Kommt die Zuckersteuer in Deutschland wirklich?
Ja – zumindest nach dem derzeitigen Plan der Bundesregierung.
Das Bundeskabinett hat bereits im April 2026 festgelegt, dass ab 2028 eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke eingeführt werden soll.
Dabei geht es zunächst nicht um Schokolade, Gummibärchen oder Kuchen. Im Mittelpunkt stehen Getränke mit zugesetztem Zucker.
Die konkrete Gesetzgebung steht allerdings noch aus.
Der Plan orientiert sich unter anderem an einem Modell, das Großbritannien bereits seit 2018 verwendet. Dort richtet sich die Abgabe an Hersteller und hängt vom Zuckergehalt der Getränke ab.
Welche Getränke könnten von der Zuckersteuer betroffen sein?
Genau darüber wird derzeit gestritten.
Klassische Kandidaten sind:
- Cola
- Limonade
- Energy-Drinks
- gesüßter Eistee
- andere Softdrinks mit zugesetztem Zucker
Zuletzt sorgten allerdings Überlegungen aus dem Bundesfinanzministerium für Aufsehen, den Kreis der betroffenen Getränke deutlich auszuweiten.
Diskutiert wurden unter anderem auch:
- Fruchtsaftgetränke
- gesüßte Milchgetränke
- Hafer- und andere Pflanzendrinks
- Fertigkaffee
- Biermischgetränke
- Getränke mit Süßungsmitteln
Ausgerechnet eine mögliche Besteuerung von Zero- und Light-Getränken sorgte für besonders viel Kritik.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil stellte daraufhin klar: Eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke soll es nicht geben. Die entsprechenden Überlegungen seien kein politisch beschlossener Plan gewesen.
Die genaue Liste der besteuerten Getränke steht damit weiterhin nicht endgültig fest.
Wird Cola durch die Zuckersteuer teurer?
Das ist möglich – aber nicht zwangsläufig.
Das britische Modell zeigt, worum es bei einer solchen Abgabe eigentlich geht.
Die Steuer soll Hersteller nicht primär dazu bringen, einfach höhere Preise zu verlangen. Sie soll Unternehmen einen finanziellen Anreiz geben, weniger Zucker in ihre Getränke zu mischen.
Hersteller haben damit grundsätzlich zwei Möglichkeiten:
| Möglichkeit | Konsequenz |
|---|---|
| Zuckergehalt reduzieren | Abgabe vermeiden oder reduzieren |
| Rezeptur unverändert lassen | Abgabe zahlen und möglicherweise Preis erhöhen |
Genau darin liegt der eigentliche Lenkungseffekt.
Im Idealfall wird also nicht nur Cola teurer – sondern Cola enthält irgendwann weniger Zucker.
Großbritannien zeigt: Die Steuer kann tatsächlich wirken
Das stärkste Argument der Befürworter kommt aus Großbritannien.
Dort wurde die Soft Drinks Industry Levy 2018 eingeführt.
Zwischen 2015 und 2024 sank der Zuckergehalt der von der Abgabe erfassten Getränke nach Angaben der britischen Regierung um nahezu die Hälfte. Gleichzeitig stieg das verkaufte Getränkevolumen um 13,5 Prozent.
Die Hersteller verkauften also nicht plötzlich keine Softdrinks mehr. Sie veränderten vor allem ihre Rezepturen.
Das ist ein entscheidender Punkt in der Debatte.
Denn die häufige Behauptung, eine Zuckersteuer bedeute zwangsläufig weniger Umsatz und massive wirtschaftliche Schäden für Getränkehersteller, lässt sich aus den britischen Erfahrungen zumindest nicht einfach ableiten.
Warum will Deutschland überhaupt eine Zuckersteuer?
Offiziell geht es um zwei Dinge:
weniger Zucker und geringere Kosten für das Gesundheitssystem.
Die Finanzkommission Gesundheit erwartet durch eine entsprechend gestaltete Abgabe jährliche Einnahmen von rund 450 Millionen Euro.
Mittel- bis langfristig könnten laut ihrer Kalkulation zusätzlich zwischen 20 und 170 Millionen Euro pro Jahr im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung eingespart werden.
Die WHO empfiehlt seit Jahren, Steuern auf zuckergesüßte Getränke als gesundheitspolitisches Instrument zu prüfen und hat Anfang 2026 erneut einen weltweiten Bericht zu solchen Abgaben veröffentlicht.
Aber warum nur Getränke?
Genau hier wird die Debatte unbequem.
Wenn Zucker das Problem ist, warum wird dann ausgerechnet die Cola besteuert, während Schokoriegel, Frühstücksflocken, Kekse und zahlreiche andere stark gezuckerte Produkte unangetastet bleiben?
Diese Frage ist berechtigt.
Softdrinks haben allerdings eine Besonderheit: Zucker wird in flüssiger Form schnell konsumiert und sättigt vergleichsweise wenig.
Eine 500-Milliliter-Flasche klassischer Cola kann beispielsweise mehr als 50 Gramm Zucker enthalten.
Trotzdem bleibt die Grenze politisch erklärungsbedürftig.
Denn je weiter eine Zuckersteuer ausgeweitet wird, desto schwieriger wird die Definition:
Soll ein gesüßter Eiskaffee besteuert werden?
Was ist mit einem Smoothie?
Mit Haferdrink?
Mit natürlichem Fruchtzucker?
Mit Süßstoffen?
Genau an diesen Fragen zeigt sich, wie schnell aus einer vermeintlich einfachen Idee ein kompliziertes Steuersystem werden kann.
Kritiker sprechen von Bevormundung
Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie lehnt die geplante Abgabe erwartungsgemäß ab.
Die wichtigsten Gegenargumente:
- zusätzliche Belastung für Verbraucher
- höhere Bürokratiekosten
- Lebensmittelpreise könnten weiter steigen
- Übergewicht habe viele Ursachen
- einzelne Lebensmittel seien nicht allein verantwortlich
- Verbraucher sollten selbst entscheiden, was sie konsumieren
Mehrere Wirtschaftsverbände haben sich deshalb bereits offiziell gegen die Einführung ausgesprochen. Im Lobbyregister des Bundestages argumentiert die Ernährungsindustrie unter anderem, die gesundheitliche Wirksamkeit einer solchen Steuer sei nicht eindeutig belegt.
Das Argument der Bevormundung lässt sich nicht völlig von der Hand weisen.
Wer freiwillig eine normale Cola statt Cola Zero trinken möchte, könnte künftig mehr dafür bezahlen – obwohl beide Produkte weiterhin legal erhältlich sind.
Ist eine Zuckersteuer deshalb automatisch schlecht?
Nicht unbedingt.
Ausgerechnet das britische Beispiel zeigt, dass die Debatte häufig am eigentlichen Punkt vorbeigeht.
Eine gut konstruierte Zuckerabgabe muss Verbraucher nicht einmal primär dazu bringen, weniger Getränke zu kaufen.
Sie kann Hersteller dazu bringen, ihre Rezepturen zu verändern.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Wenn eine Limonade künftig beispielsweise 4 statt 9 Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthält und trotzdem gekauft wird, hat die Steuer ihr gesundheitspolitisches Ziel möglicherweise bereits erreicht.
Großbritannien verschärft sein System sogar weiter: Ab 2028 sinkt dort die Schwelle für die Abgabe von 5 auf 4,5 Gramm Zucker je 100 Milliliter, außerdem werden bestimmte bisher ausgenommene Milch- und Milchersatzgetränke einbezogen.
Gesundheitsschutz oder Geldbeschaffung?
Genau diese Frage muss die Bundesregierung überzeugend beantworten.
Eine Zuckersteuer ist wesentlich leichter zu vermitteln, wenn ihre Konstruktion klar auf Zuckerreduktion ausgerichtet ist.
Je stärker dagegen möglichst viele Produkte einbezogen werden, um möglichst hohe Einnahmen zu erzielen, desto glaubwürdiger wird der Vorwurf einer neuen Fiskalsteuer.
Eine Steuer auf Cola mit zehn Gramm Zucker pro 100 Milliliter lässt sich gesundheitspolitisch erklären.
Eine „Zuckersteuer“ auf ein Getränk ohne Zucker wäre dagegen kaum vermittelbar.
Dass Klingbeil eine Besteuerung von Zero-Getränken inzwischen ausgeschlossen hat, war deshalb konsequent.
Die Zuckersteuer kommt – jetzt entscheidet sich, ob sie sinnvoll wird
Die Diskussion sollte deshalb weniger darum geführt werden, ob der Staat uns die Cola verbieten will.
Das tut er nicht.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie die geplante Zuckerabgabe gestaltet wird.
Ein transparentes Modell mit klaren Zuckergrenzen könnte Unternehmen dazu bringen, Rezepturen zu verbessern. Die Erfahrungen aus Großbritannien zeigen, dass genau dieser Effekt tatsächlich eintreten kann.
Eine komplizierte Abgabe auf immer mehr Getränke würde dagegen schnell wie die nächste Steuererhöhung wirken.
Deutschland steht damit vor einer ziemlich einfachen Wahl:
Soll die Zuckersteuer dafür sorgen, dass weniger Zucker in der Flasche landet – oder hauptsächlich mehr Geld beim Staat?
Die Antwort darauf dürfte darüber entscheiden, ob Verbraucher die neue Abgabe als sinnvolle Gesundheitspolitik akzeptieren oder als nächste Steuer, die ihnen unter einem wohlklingenden Namen verkauft wird.